Zurück in die Zukunft
Artikel von Karin Kosina über die
wichtigsten Aspekte Freier Software, verfasst für das von der
Österreichischen HochschülerInnenschaft herausgegebene Magazin
"Progress"
- Zurück in die Zukunft
Freie Software für freie Menschen - klingt logisch, oder? Ist es auch, selbst wenn Microsoft & Co das am liebsten nicht wahrhaben möchten. Freie Software ist allgegenwärtig - mit größter Wahrscheinlichkeit haben Sie selbst heute bereits welche benutzt.
Karin Kosina
Auch wenn Hersteller proprietärer Software das nicht gerne zugeben - Freie Software ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Der Webserver, auf dem die Online-Version dieses Artikels liegt? Freie Software. Das Programm, das unsere e-mails versendet? Mit größter Wahrscheinlichkeit Freie Software. Es geht noch viel weiter: Die grundlegenden Dienste, die das Rückgrat des Internets selbst bilden, sind alle Freie Software.
Freie Software ist im wesentlichen eine Weiterentwicklung eines Softwaremodells, das älter ist als proprietäre Software. Am Beginn der EDV war es völlig normal, dass AnwenderInnen, EntwicklerInnen und AdministratorInnen Programme und Betriebssysteme austauschten. Damals war der/die AnwenderIn meist auch der/die AdministratorIn, und fast jeder, der mit einem Computer arbeitete, konnte zumindest ein wenig programmieren. Zusammenarbeit und der Austausch von Information und Software ist ja nichts anderes als Information - erschien nur logisch und auch notwendig.
Eigentlich mutet es seltsam an, dass die BenutzerInnen in jener Zeit alle die Rechte hatten, die uns proprietäre Softwarehersteller heute gerne vorenthalten möchten. Doch die gute alte Zeit kehrt zurück!
Sicherheit durch Freiheit. Kontinuität über Jahre, Zuverlässigkeit und die Verfügbarkeit von aktualisierter Software sind kritische Eigenschaften in großen EDV-Strukturen. Eben diese Eigenschaften sind mit den kommerziellen Interessen von Softwareherstellern oft nur kaum vereinbar und daher klassische Schwachstellen beim Einsatz von proprietärer Software: Gerade im öffentlichen Bereich müssen viele Daten langfristig gesichert werden. Geschieht dies aber in einem proprietären Format einer Firma X, kann es sein, dass diese Firma in einigen Jahren bereits Vergangenheit ist. Die Daten können aber mit keiner anderen Software mehr gelesen oder bearbeitet werden, weil X? Software eben nicht frei ist, und niemand außer X Zugang zu dem Format hat.
Vor diesem Hintergrund sind die hektischen Werbemaßnahmen von Softwareherstellern, die sich durch an allen Ecken und Enden auftauchende Pinguine verfolgt fühlen, verständlich. Nicht zuletzt die Universitäten sind Ziel der Marketingmaschinerie, die mit Hochglanzbroschüren für Windows & Co wirbt und voll mit FUD - "Fear, Uncertainty, Doubt" - die Unsicherheit gegenüber Linux und Freier Software zu schüren versucht. Das ist nicht ohne Erfolg: Für viele BenutzerInnen ist Computer gleichbedeutend mit Windows, und Textverarbeitung mit MS Word. Alternativen werden gar nicht erst in Betracht gezogen.
Die Zukunft hat schon begonnen. Doch all die verzweifelten Versuche, den Lauf der Dinge aufzuhalten, scheinen langfristig nichts zu nützen. Selbst wenn die Entscheidung der Stadtverwaltung von München für Linux spektakulär wirkt, spiegelt sie doch nur die Realität wider. Und die ist in den Rechenzentren von Brasilien, Russland, Asien und Europa sehr ähnlich. Freie Software wird "hinter den Kulissen" schon seit Jahren eingesetzt.
Auch in Österreich hat die Regierung längst die Weichen in eine offenere EDV-Zukunft gestellt: Angeschaffte Serverhardware muss Linux-tauglich sein und für spezielle Sicherheitsbedürfnisse muss Linux Systembasis sein. Weiters werden im östereichischen e-government offene Formate gefordert. Mittlerweile befasst sich sogar das Wirtschaftsministerium mit Freier und Open Source Software und untersucht den potentiellen Einfluss Freier Software auf den Arbeitsmarkt.
Bereits jetzt herrscht ein Mangel an Fachkräften mit gutem Linux-Basiswissen. Die IKT-Stabstelle des Bundes bemängelt hier bereits die "Unausgewogenheit in der schulischen Ausbildung". Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, dass dem steigende Bedarf im Ausbildungssystem Rechnung getragen wird - und der neuabgeschlossene Generalvertrag des Bildungsministeriums mit Microsoft ein letztes Kuriosum undurchschaubarer Entscheidungspolitk bleibt.
Dipl.-Ing. (FH) Karin Kosina ist Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung Freier Software Österreich (ffs.or.at) und entwickelt selbst Freie Software unter GNU/Linux. Sie kann unter kyrah@ffs.or.at kontaktiert werden.
"Was ist freie Software?"
Das "Frei" in "Freie Software" bezieht sich auf Freiheit, nicht Kostenlosigkeit. Freie Software ist Software, die ohne Einschränkungen benutzt, analysiert, verändert und weitergegeben werden darf. Eine Grundvoraussetzung dafür ist die Verfügbarkeit des Quellcodes.
Das Gegenteil von Freier Software ist proprietäre Software - Software, die unter der Kontrolle einzelner Personen oder Firmen steht. Es ist auch möglich, für die Weitergabe von Freier Software Geld zu verlangen. Freie Software ist nicht "gratis". Der Unterschied zu proprietärer Software besteht grundsätzlich nicht im Preis, sondern in den Möglichkeiten und Freiheiten, die man nach dem Erwerb hat.